Rentencockpit – damit jeder weiß, was auf ihn zukommt

20. Juli 2018
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Gastkommentar in der Fuldaer Zeitung vom 19. Juli 2018

Können Sie das ganze Renten-Kauderwelsch auch nicht mehr hören? Da ist von „doppelten Haltelinien“, einer „Demografiereserve“ und immer wieder vom „Eckrentner“ die Rede. Nur sehr selten ist zu lesen, wie viel Euro jeder Einzelne von uns bei Rentenbeginn tatsächlich zu erwarten hat. Das ist bei den Schweden und Dänen anders. Schon seit 2004 gibt es dort staatlich überwachte Systeme, die den Menschen per Mausklick ihre gesamten Renteneinkünfte zeigen – und zwar nicht nur aus der gesetzlichen, sondern auch aus der betrieblichen und privaten Rente. In Schweden heißt das System „Minpension“, in Dänemark „PensionsInfo“. Beide unterliegen höchsten Sicherheitsstandards. Bei beiden hat der Nutzer die volle Hoheit über seine Daten. Niemand sonst kommt an die Informationen über Lebensversicherungen, betriebliche Pensionen und die Zahlungen aus der gesetzlichen Rente ran. Das war in der Rückschau entscheidend für die Akzeptanz der jeweiligen Systeme, die in beiden Ländern groß ist.

Ein weiterer zentraler Punkt ist die Neutralität der Systeme. Zwar überwacht der Staat die Plattformen, betrieben werden sie aber von unabhängigen Organisationen. In Dänemark ist es beispielsweise ein Non-Profit- Verein, der alle Informationen von den jeweiligen Rentenanbietern automatisch abrufen kann. Das dänische Parlament hatte zuvor die gesetzlichen Grundlagen geschaffen.

Als Finanzwissenschaftler setze ich mich seit vielen Jahren für eine bessere wirtschaftliche Bildung ein. Dazu gehört auch der Durchblick bei der Rente. Dafür haben wir den Non-Profit-Verein Deutsche Renten Information e.V. (DRI) gegründet. Mit zehn leistungsstarken Partnern aus Finanzindustrie und Wissenschaft haben wir begonnen, ein Rentencockpit für Deutschland zu erarbeiten. Die DRI ist unabhängig und schafft mit ihrem Prototyp eine offene Plattform für alle privaten und öffentlichen Rententräger. Bis spätestens Ende 2019 sollen Nutzer einfach, datensicher und auf Knopfdruck ihre gesamten Alterseinkünfte einsehen können.

Wir wissen, dass die Menschen hierzulande eine unabhängige Information über ihre gesamten Renteneinkünfte wollen. Das war das klare Ergebnis der ersten wissenschaftlichen Studie über die technische Machbarkeit und den Nutzen einer Renteninformationsplattform. Sie wurde von der Frankfurter Goethe-Universität und dem Max-Planck-Institut für Sozialrecht und Sozialpolitik in Zusammenarbeit mit der DRI und zwei führenden Kreditinstituten erstellt.

Wir konnten daraus für jeden Teilnehmer ein Rentencockpit mit den zu erwartenden Gesamt-Einkünften im Alter erstellen. Der Name ist bewusst gewählt: Wie im Auto wollten wir eine auf den ersten Blick zu erfassende und möglichst einfache Darstellung erreichen. Statt Jahressummen auszuweisen, haben wir uns analog zu den Gehaltszahlungen auf die monatlich zu erwartenden Einkünfte konzentriert.

Die so errechneten Rentencockpits stiften großen Nutzen, wie sich in einer weiteren Befragung zeigte. Sagten vorher mit 66 Prozent zwei von drei Befragten, sie könnten ihr Alterseinkommen nicht einschätzen, fühlten sich nun 61 Prozent gut über die Altersvorsorge informiert. 64 Prozent empfinden das Rentencockpit als klar hilfreich. Was uns Wissenschaftler dabei sehr positiv überraschte, waren zwei weitere Punkte: Wer ein derartiges Rentencockpit nutzt, spart mit hoher Wahrscheinlichkeit mehr für die Altersvorsorge. Und: Ganz besonders könnten Menschen mit geringerer Finanzbildung profitieren.

Das macht uns Mut, das Rentencockpit auch für Deutschland engagiert weiter voranzutreiben. Im Koalitionsvertrag zwischen Union und SPD ist die Schaffung eines derartigen Systems für die derzeitige Legislaturperiode angekündigt. Es ist nun an den Abgeordneten im Deutschen Bundestag und den Verantwortlichen in den zuständigen Ministerien, auch in Deutschland die Voraussetzungen für ein derartiges Rentencockpit zu schaffen. Damit wir statt Renten-Kauderwelsch endlich Durchblick bei der Rente haben!

 

Andreas HackethalÜber den Autor:
Andreas Hackethal will den Menschen hierzulande per App mehr Durchblick bei der Rente verschaffen.
Der Autor (47) ist Finanzwissenschaftler und Dekan des Fachbereiches Wirtschaftswissenschaften an der Goethe-Universität Frankfurt und Vorstandsvorsitzender der Deutschen Renten Information e.V. (DRI).

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